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Der graue November: Wie fühlt sich das an, wenn man gar nichts mehr fühlt?

| Der Rest.

Es ist Montag, eigentlich ein ganz normaler Tag, den irgendwie niemand mag. Ich bin viel zu müde und traurig um aufzustehen. Also jetzt nicht so traurig, dass ich weinen müsste. Das würde ja zeigen, wie schwach ich bin und das geht in unserer Gesellschaft ja gar nicht. Eigentlich verrückt, alle sagen dir du sollst so sein, wie du bist, aber wenn du es dann mal bist, akzeptiert dich niemand.

Ich weiß gar nicht, wie das kam, aber irgendwann war das einfach da. Vielleicht liegt es an der Schule, aber wenn nicht sogar am kompletten Schulumfeld. Schule ist einfach so stressig. Du lebst zwölf Jahre lang mit dem ständigen Druck alles richtig machen zu müssen, denn wenn du das nicht schaffst, ist deine komplette Zukunft kaputt. Wenn du dann doch mal eine gute Note schreibst, stehst du ständig unter dem Druck,  dass die nächste genauso gut wird. Dazu kommen dann auch noch die ganzen Anderen aus deiner Klasse. Die sind mit Abstand das größte Problem: Alle sind einfach nur hinterhältig und jeder Fehler, den du gemacht hast, wird dir über Jahre vorgehalten. Da hast du vielleicht ein Mal eine gemeine Sache gesagt, weil du sauer und du wirst über die nächsten Jahre immer als die schlimmste Person aus deiner Klasse dargestellt. Du hast einfach keine zweite Chance und wirst dann so ausweglos  und einmalig abgestempelt.

Eigentlich ist alles, was du machst, falsch und alles wird früher oder später gegen dich verwendet. Sie wissen zum Beispiel, dass es dir schlecht geht, aber auch das nutzen sie nur aus, um dich noch kleiner zu machen. Es gab da mal so eine Situation, in der wir bemerkt haben, dass sich ein Mädchen aus meiner Klasse selbst verletzt und natürlich sie von allen getröstet, mit ,,Ooooh du tust mir so leid, hab dich lieb…“, hinter ihrem Rücken hieß es dann aber, dass sie das ja nur tun würde, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und selbst wenn es so wäre, was ist daran schlimm? Sollte man ihr das wirklich zum Vorwurf machen? Ich meine, wie schlecht muss es einer Person gehen, damit sie so weit geht sich selbst zu verletzen um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen?

Lustig, dass solche Leute erst Serien wie ,,Tote Mädchen lügen nicht“ brauchen, um zu merken, was Worte und Taten so anrichten können. Obwohl, Entschuldigung: Auf einmal sind sie natürlich alle in der Rolle von Hanna Baker und lernen doch nicht daraus.

Wie auch immer, mal wieder zum Thema: Ich überdenke jeden Tag einfach jedes Wort und jeden Schritt. Was ist nämlich, wenn ich einer Person was erzähle, erzählt sie das dann weiter?  Macht sie sich dann darüber lustig? Redet sie schlecht über mich? Oder, kann ich das anziehen, ohne dass irgendwer einen dummen Kommentar macht? Ich weiß ich sollte mir nicht so viel Gedanken über die Meinung anderer machen, aber wenn du einfach schon gebrochen bist, dann macht  jedes Wort alles noch schlimmer. Das ist so anstrengend, nicht einfach mal ganz gelassen einen Tag zu leben.

Zuerst dachte ich, dass es vielleicht nur eine Phase ist, doch irgendwie hält dieses Gefühl dafür schon zu lange an. Um ehrlich zu sein, ist das gar kein Gefühl, ich fühle irgendwie gar nichts, trotzdem setze ich mir jeden Tag eine lächelnde Maske auf, einfach nur, damit keiner beginnt Fragen zu stellen.

Außerdem will ich auch nicht die Leute beunruhigen, denen ich wirklich was bedeute. Über die Zeit wird auch das viel zu  anstrengend und mittlerweile habe ich mich von allem abgeschottet. Ich meine, wenn ich mit niemandem Kontakt habe, dann kann es erstens keiner schlimmer machen und zweitens macht sich dann keiner Sorgen.

Eigentlich war die Zeit mit meinen Freunden immer die Beste, weil ich mich auf was anderes als auf die Leere in mir konzentrieren konnte, aber auf Dauer ist es schwer so zu tun, als wär´ ich glücklich, obwohl ich es nicht bin. Selbst Sachen, die mir sonst so viel Erfüllung gegeben haben, sind einfach so wertlos geworden. Ich kann mir nicht mal mehr einen Kaffee machen, der mir den Placebo-Effekt gibt, dass ich nicht ganz so tot bin, alle kleinen Dinge sind einfach so unglaublich anstrengend. Warum sollte ich dann überhaupt etwas machen, wenn es eh nichts bringt? Mir fehlt einfach jede Motivation und dann kommt wieder diese Wut in mir hoch:

Wieso kann ich denn nicht einfach ganz normal sein? Was ist bitte bei mir falsch gelaufen, dass ich nicht ein ganz normales Leben, mit gesunden Ups and Downs führen kann? All das bewirkt einfach nur, dass ich mich noch schlechter fühle und irgendwie bin ich jetzt wie in einem Teufelskreis gefangen, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Naja, eigentlich gibt es da schon zwei Wege, entweder suche ich mir Hilfe, oder ich beende das alles für immer. Länger halte ich das auf jeden Fall nicht aus.

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