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Im Advent unterwegs mit den Ärmsten Hannovers

| Der Rest.

Während sich die meisten Menschen im Dezember nur Gedanken darüber machen, wann sie Plätzchen backen, wann sie auf den Weihnachtsmarkt gehen und wann sie Weihnachtsgeschenke kaufen können, haben Obdachlose in Hannover ganz andere Sorgen. Henrik Behrens hat sich in einer Reportage auf den Weg zu den Ärmsten Hannovers gemacht.

Mit seinem Artikel (und unserer Strömsheet-Seite!) haben wir übrigens den N-Report-Preis 2019 gewonnen.

13 Flaschen hat sie jetzt zusammen. 13 Flaschen, mit deren Pfand sie sich die erste Mahlzeit des Tages kaufen will. Es ist Samstag, der 1. Dezember 2018, der Tag vor dem ersten Advent. Während andere den Hauptbahnhof besuchen, um Freunde und Familie abzuholen oder nach Hause zu fahren, sammelt Brigitte Flaschen.

Als ich sie anspreche, reagiert sie sehr verwundert und defensiv, was mich nicht sonderlich verwundert. Viele Passanten nehmen sie vermutlich gar nicht wahr. Obdachlose verschmelzen für die meisten mit der Bahnhofskulisse. Die Menschen, die sie dann doch ansprechen, haben wahrscheinlich keine guten Absichten. Ein paar Fragen für ein Schulprojekt dagegen? In Ordnung. „Ich bin Brigitte, bin 53 und wohne seit vier Jahren auf der Straße.“ Mit Drogen habe das nichts zu tun. Und seit sie auf der Straße lebt, trinkt sie nur selten Alkohol.

Brigitte hat vor ihrer Zeit als Obdachlose mehrere Jahre von Hartz IV gelebt. „Seit Manfred, mein Ex, mich für ne Jüngere hat stehen lassen, ging es richtig bergab mit mir.“ Eigentlich, sagt sie, lief es schon ihr ganzes Leben schlecht. Als sie in Hamburg geboren wurde, war ihre Mutter gerade einmal 19 Jahre alt. Ihren Vater habe sie nie kennengelernt. Trotzdem wirkt Brigitte sehr aufgeweckt. Nachdem sie die Mülleimer in der Nähe des Eingangs zum Bahnhof mit mäßigem Erfolg nach Flaschen durchsucht hat, nimmt sie mich mit auf ihre typische Runde. Wir gehen den Bahnhof entlang und Brigitte schaut hier und da in Mülleimer.

14 Flaschen.

„Schon genug für einen Döner!“ scherzt Brigitte und fügt gleich hinzu, dass sie sich heute wie meistens Weißbrot im Supermarkt kaufen wird. Sie erzählt, dass sie sich sonst auch Nudeln vom Asiaten oder ab und zu wirklich einen Döner kauft.

15 Flaschen.

Aus den Geschäften im Hauptbahnhof kommt Weihnachtsmusik. Gibt es das für Brigitte, Weihnachtstraditionen? Jeden Tag im Advent, sagt sie, legt sie das Pfand von zwei Flaschen beiseite. „An Weihnachten möchte ich keine Flaschen sammeln müssen, da lass‘ ich es mir gut gehen.“ Schon gar nichts nachts, wenn sie sonst die Flaschen sammelt, die die Feiernden wegwerfen oder stehen lassen.

16 Flaschen.

Wir kommen zum Ende des Bahnhofs und Brigitte bekommt Hunger. Wir unterhalten uns noch eine Weile und gehen dann getrennte Wege.

Auf meinem Rückweg durch den Hauptbahnhof in Richtung Kröpcke sehe ich plötzlich viel mehr Obdachlose als sonst. Sie verschwimmen auf einmal nicht mehr mit dem Hintergrund, sondern stehen geradezu im Mittelpunkt. Stattdessen nehme ich normale Passanten kaum noch war. Einige Obdachlose stehen in kleinen Gruppen zusammen, andere betteln und wieder andere pöbeln sich gegenseitig an. Ich sehe außerdem einige Obdachlose, welche auf Decken oder auf dem kalten Bahnhofsboden kauern. Sie sehen abgemagert aus, ihre Gesichter sind ohne Ausdruck, als wären sie kaum noch am Leben.

Auf dem weiteren Weg zum Kröpcke begegnen mir bettelnde Familien, Punks und weitere Obdachlose. Fast alle Obdachlosen liegen hier mit ihren Hunden auf Decken und machen sich so klein wie möglich, um der Kälte zu widerstehen. Während ich im Hintergrund die Weihnachtspyramide am Kröpcke sehe, sieht von ihnen keiner weihnachtlich aus.

Ich spreche einen Mann an, der mit seinen zwei Hunden unter einer Decke liegt. Er stellt sich als Uwe vor und berichtet mir, dass dies sein 13. Winter auf den Straßen Hannovers ist. Seine Hunde hat er nach seinen zwei besten Freunden benannt, die er beide auf der Straße verloren hat. „Ingo ist schon seit acht Jahren mit mir unterwegs, wir sind quasi durch dick und dünn zusammen. Ulf hab ich seit fünf Jahren dabei. Ich hab sie mir beide, kurz nachdem meine Kumpels gestorben sind, geholt.“ Uwe hat der Alkohol auf die Straße gebracht. Und er hält ihn dort. Schon in seiner Maurerlehre hatte er ein Alkoholproblem, mit 31 Jahren, sagt er, habe es ihn eingeholt. Jetzt ist er 44 und von dem Geld, das er durch Betteln zusammen kriegt, kauft er nur das Nötigste zum Überleben, der Rest geht für Bier und Schnaps drauf. Wann war er das letzte Mal komplett nüchtern? Uwe lacht nur und sagt, dass er morgens nach dem Aufwachen direkt ein Bier trinkt. „Ohne den Alkohol ist dieses Leben einfach nicht zu ertragen“, sagt er und setzt seine Bierflasche an.

Mehr Informationen zum N-Report-Preis 2019 findet Ihr hier und hier.

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Der Hauptbahnhof zur Weihnachtszeit
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Feierlich geschmückt...
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...ist die ganze Innenstadt
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Für Obdachlose sind dagegen...
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...leere Flaschen interessanter