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Der schwierige Umgang mit dem Tod: Ein Interview mit dem Bestatter Stefan Burmeister-Wiese

Erstellt von Philipp Tabert | |   1

Das Wahlpflichtfach Journalismus des elften Jahrgangs ist prädestiniert für Projektarbeit, dafür selbstständig zu recherchieren und an anderen Orten als der Schule zu arbeiten. Zumindest in Nicht-Corona-Zeiten. Die Ergebnisse sind trotz Home-Office richtig gut geworden: Der folgende Interviewbeitrag soll Türöffner sein für einen Blick hinter die Kulissen eines besonderen Berufsbildes, nämlich das des Bestatters. Philipp Tabert konnte den Geschäftsführer des Bestattungsunternehmens Wiese, Herrn Stefan Burmeister-Wiese, dafür gewinnen, ausführliche Einblicke zu geben, auch auf ein paar persönlichere Fragen.

Was schätzen Sie an Ihrem Beruf?

Besonders positiv ist, dass wir ein direktes Feedback von den Kunden bekommen. Wir begleiten diese Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, in der Regel für einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen. Wir gehen ganz intensiv Kontakt mit diesen Menschen ein und erhalten Einblick in ganz unterschiedliche Lebenssituationen. Eins ist fast immer gleich, man bekommt ganz viel Dankbarkeit  zurück. Wir werden immer wieder überrascht mit persönlichen Briefen und Geschenken. Es kommt ganz viel Positives zurück. Als Bestatter haben wir abwechslungsreiche Aufgaben, die sehr erfüllend sind.

Wie wird man in diesem Beruf wahrgenommen?

Das ist schwierig, aber es hat sich immerhin schon deutlich verbessert. Ich bin jetzt 11 Jahre in diesem Beruf, aber als Sohn aus einer Bestatterfamilie habe ich sehr viel Negatives erfahren. Mein Beruf ist ein Tabuthema, weil sich viele Menschen nicht mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen wollen. Aber das Berufsbild ist im Wandel, was mit der Professionalisierung zusammenhängt. Es ist jetzt ein echter Ausbildungsberuf. Trotzdem polarisieren Sie schon mit diesem Beruf, der auch heute nicht als alltäglich gilt.

Sind Sie trotz Ihres Kontaktes mit trauernden Menschen ein fröhlicher Mensch?

Gerade deswegen! Professionelles Begleiten als Bestatter heißt, empathisch bei der Sache zu sein, all die Bedürfnisse und Wünsche der Angehörigen aufzunehmen. Allerdings ist es auch notwendig, sich ausreichend abzugrenzen. Das ist teilweise ein schwieriger Grad. Sie können da schon sehr betroffen sein oder sogar niedergeschlagen.  Wir haben aber auch professionelle Supervision. Ihnen bleibt aber immer die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Als positive Folge lebe ich intensiver und schätze den Moment.

Können Sie Freizeit und Beruf gut trennen?

Je jünger Sie sind, desto leichter fällt Ihnen das. Je älter man wird, desto mehr nimmt man mit. Wenn Sie mehr Tote sehen, die Ihr eigener Jahrgang sind, lässt Sie das nicht mehr kalt und es arbeitet in Ihnen weiter.

Was war der skurillste Wunsch eines Kunden?

Wir haben immer wieder ganz persönliche Wünsche. Ich kann mich an eine Vorbesprechung mit einem Kunden erinnern, der den Wunsch hatte, verkehrt herum in den Sarg gelegt zu werden. Mit dem Gesicht nach unten. Den Wunsch hat er damit erklärt, dass seine Frau vor ihm beerdigt worden sei und er in ihre Richtung schauen möchte, wenn er ihr nachfolge. Das ist lange bei mir hängengeblieben.

Haben Sie eine genaue Vorstellung von Ihrer eigenen Beerdigung?

Ja, die habe ich. Meiner Meinung nach sollte auch jeder Mensch für sich eine Vorstellung davon haben. Ich bin jetzt Ende 30 und habe meine Vorstellungen niedergelegt. Mein Leben kann ja jeden Moment zu Ende sein, warum auch immer. Ich möchte andere Menschen mit dieser Situation nicht überfordern. Für mich persönlich ist alles vorgedacht inklusive Musiktitel, Trauerfeier, Trauerrede, Traueranzeige usw.

Planen viele Kunden ihre eigene Beerdigung?

Über die Hälfte der Beerdigungen berücksichtigen in erster Linie die vorher ausgesprochenen Wünsche der Verstorbenen. Oftmals wird ein solcher Kontakt aber sogar über das Pflegeheim direkt hergestellt. Ein früher Kontakt mit dem Thema lässt mehr Raum für die Frage zu, was denn die Wünsche und Bedürfnisse eigentlich sind. Oft ändert sich durch aktive Beschäftigung mit dem Thema auch noch mal die Sicht auf die Dinge. Der Wunsch nach anonymer Bestattung bedeutet oft, dass der oder die Betroffene niemandem zur Last fallen möchte, aber erst das Gespräch macht manchmal klar, dass die nächsten Verwandten einen Ort brauchen, wo sie die Erinnerung konkret verorten und spüren können.

Kennen Sie Ekelgefühle, wenn Sie mit einer Leiche zu tun haben, die schon etwas länger liegt?

Ich habe selbst in meiner Ausbildungszeit bei einem Bestatter gearbeitet, der regelmäßig  für die Kriminalpolizei tätig war. Da gibt es schon Situationen, dass sie mit Leichen zu tun bekommen, die alleine für einen längeren Zeitraum in einer Wohnung gelegen haben, bevor sie gefunden werden.  Das ist schon sehr erschütternd, was Sie da erleben in dem Moment, weil Sie sehr deutlich sehen, dass der menschliche Körper ein biologischer Organismus ist, der zerfällt mit allen seinen Folgen. Ich habe diese Bilder immer noch im Kopf bis heute. Diese persönliche Erfahrung hat dazu geführt, dass wir als Bestattungsunternehmen ganz bewusst nicht an Ausschreibungen teilnehmen, die sich mit der Vergabe von polizeilichen Leichenfunden beschäftigen.
Die Beschäftigung mit Leichen ist auch allgemein nicht für jeden geeignet, darum haben wir auch eine Altersbegrenzung für Praktikanten, die bei 16 Jahren liegt bzw. bei 18 Jahren für Tätigkeiten im direkten Kontakt mit den Toten.

Sie sagen, dass Sie in vielen Kundenberatungssituationen sind. Spüren Sie da, dass die Menschen Angst vor dem Tod haben?

Das ist regional, kulturell und allgemein ganz unterschiedlich. Zum Beispiel haben wir in Misburg viele  Spätaussiedler aus Russland, die mit einer ganz anderen Bestattungskultur aufgewachsen sind, bei der die Angst nicht im Vordergrund steht. Da kann es sein, dass die Verwandtschaft über eine Stunde am offenen Sarg steht und intensiv singend Abschied nimmt, dann wieder laut weint und sich in den Armen liegt. Das sind tolle Erfahrungen, wie da aktiv die Gefühlsauseinandersetzung in der Gemeinschaft stattfinden darf. Die klassische deutsche Bestattungskultur sieht da ganz anders aus. Nach den Erfahrungen mit den Weltkriegen wurde über den Tod immer weniger gesprochen. Auch die Urbanisierung hat dazu beigetragen, dass die Verstorbenen nicht mehr in der häuslichen Umgebung verbleiben, wie das auf dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, noch der Fall war. Wir haben das Thema Tod als Tabuthema sozusagen künstlich „erlernt“. Dadurch, dass man verlernt hat, über den Tod zu sprechen und er aus dem natürlichen Alltag verschwunden ist, entstehen Ängste, die dann auch bei unseren Kunden da sind.

Glauben Sie selbst an ein Leben nach dem Tod oder an eine Wiederauferstehung oder Ähnliches?

Ich persönlich zweifele da ganz stark, obwohl ich eigentlich aus einer ganz christlich sozialisierten Familie stamme. Ich betrachte das Leben, das ich hier und jetzt führe, als Geschenk. Was danach kommt, kann ich nicht einschätzen, auch wenn ich es sehr bewundernswert finde, wie sehr christliche Menschen Kraft aus der Vorstellung ziehen, dass da noch etwas sei.

Sind die Bestattungsmöglichkeiten in der Corona-Zeit noch normal durchführbar?

Das ist eine schwierige Situation gewesen in der letzten Zeit. Wir mussten Menschen erklären, was innerhalb der jeweils gültigen Verordnung möglich war. Gerade in der Anfangszeit waren nur 10 Personen aus dem direkten Familienkreis erlaubt, keine Freunde, keine Bekannten, das ist schon sehr einschränkend in einer Situation, in der die Gemeinschaft eigentlich im Mittelpunkt steht. Selbst innerhalb der Familie mussten die engsten Verwandten entscheiden, wer an der Trauerfeier teilnimmt und wer nicht, das ist eine ganz schön belastende Situation.
Die Trauerfeiern durften ja auch nicht in einer Kapelle stattfinden, also nur am geöffneten Grab und ohne Gesang. Inzwischen können wieder bis zu 50 Personen bei der Beisetzung dabei sein und es ist wieder ein bisschen Normalität zurückgekehrt.

Herr Burmeister-Wiese, vielen Dank für das interessante Gespräch.

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